Nach fünf Tagen im durchaus sommerlichen Vári wurden wir früh morgens von Valera unserem Taxifahrer abgeholt, der uns nach Lupokovo / Ust’ Chorna in die Berge fuhr. Dort ist es wahrlich traumhaft, oder vielleicht eher verträumt, Ausländer wurden in dem kleinen Dorf voller Holzhäuser noch kaum gesehen. Das Dorf ist komplett von Bergen umschlossen und der Weg dorthin qualitativ mit der Schutterpiste nach Szernye zu vergleichen. Die Häuser schlängeln sich in ein bis zwei Reihen am Fluss entlang durchs Tal und wo man hin sieht nur grüne Hügel, Wiesen, Bäume und Hütten und auf den entfernteren Gipfeln auch noch ein wenig Schnee. Auf der Karte habe ich Uzhgorod (1), Vári (2) und Lupokovo (3) markiert.

Die Karte stammt aus der Schule in Königsfeld, dem Nachbardorf. Königsfeld war ursprünglich von Deutschen besiedelt, die aber vor ca. 30 Jahren als ihnen die Möglichkeit dazu gegeben wurde fast alle nach Deutschland zurückkehrten. Neben einigen zweisprachigen Beschriftungen ist von den Deutschen heute nicht mehr viel übrig geblieben. Wir sprachen mit einem sehr netten älteren Herrn, der halber Deutscher ist und noch immer viel Kontakt zu seiner Familie in Bayern hat, wo er auch einige Male zum Arbeiten und zu Besuch war. Wie ich das vorher schon von anderen Menschen gehört hatte, bemerkte auch er, dass mit den Deutschen die Blumen und das hübsche, gepflegte Aussehen des Dorfes verschwanden, weil die Ukrainer, die die Häuser und Grundstücke übernommen haben, sich nicht entsprechend um ihr Dorf kümmern würden. Die Region lebte früher hauptsächlich von der Holzwirtschaft, aber inzwischen ist auch hier der Tourismus auf dem Vormarsch. Es werden kleine Holzhütten und Hotels gebaut, wohl Hauptsächlich für den Wintersporturlaub, aber auch für ausgewanderte Familienmitglieder die den sommer über zu besuch kommen. Die meisten Wintersportler kommen aus Polen, Tschechien und der Slowakei und freuen sich darüber, dass es in der Ukraine noch keine abgesteckten Pisten und Wege gibt an die man sich halten muss. Die Menschen aus dem Westen haben aber anscheinend noch zu viel Angst vor dem wilden Osten.
So waren auch in Lupokovo wohl noch nicht so viele fremde Menschen, was dazu führte, dass wir viel angesprochen und danach gefragt wurden, was wir denn dort wollen. Dass wir einfach “nur so” da waren fanden die Menschen glaube ich ziemlich ungewohnt. Die Kinder die Evi fotografieren wollte liefen des öfteren ganz schnell weg, wenn sie die Kamera sahen und ich kam mir selber noch nie so “touristisch” vor. Ich spürte quasi die ganze Zeit die Skepsis der Bewohner, die sich fragten was wir da bloß dort tun würden. Dabei war es wirklich wunderschön. Ohne mich dagegen währen zu können fühlte ich mich in die Vergangenheit versetzt, was natürlich absoluter quatsch ist. Wenn man genau hin sieht, haben alle Häuser Parabolantennen, und wahrscheinlich auch Strom und fließendes Wasser. In unserer gemütlichen Holzhütte, gab es neben Fernseher, Dusche, Klo und Waschmaschine (und zusätzlich das mit abstand hübschesten Plumsklo was ich je gesehen habe) einen Kachelofen mit Ofenbank zum ausziehen, der nicht nur großartig aussah sondern auch noch absolut multifunktional war.
Die Zeitenzonenfrage hat dort oben aber auf jeden Fall die – bis jetzt – merkwürdigsten Dimensionen angenommen. Dass die Ungarn nach ungarischer Zeit leben, weil sie auch entsprechendes Fernsehen sehen und Radio hören, kann ich irgendwie noch verstehen. Aber in Lupokovo leben die Ukrainer (Huzulen) nach “europäischer” Zeit, sehen ukrainisches oder russisches Fernsehen und auch offizielle Dinge im Dorf, Schule, Kirche, Post werden nach ukrainischer Zeit geöffnet und geschlossen. Alleine die Menschen gestalten ihren Alltag und persönliche Absprachen nach “europäischer Zeit”. Um die Gründe dafür (wir fühlen uns als Europäer nicht als Ukrainer?) zu verstehen, bin ich wohl zu sehr rationales Stadtkind.
Nachdem wir in Vári (und Evi auch die Wochen davor) viel mit Calvinisten zu tun hatten, die schon sehr besonders sind in ihrer Gottergebenheit und Selbstrücknahme (für uns besonders merkwürdig, die immer wiederkehrende Bestätigung, dass man uns nicht um unserer selbst Willen hilft, sondern um sich den Weg in ein besseres Nachleben zu ebnen), trafen wir in unserer neuer Unterkunft auf eine praktizierende orthodoxe Christin, die uns als erstes mit den bei ihr im Haus hängenden Ikonen vertraut machte und in die Kirche einlud, die grade geputzt wurde, um für die Osterfeierlichkeiten, die bei den Orthodoxen eine Woche später stattfinden, vorbereitet zu sein. Neben der Kirche war auch der Friedhof furchtbar bunt und genau wie bei der Wahl der Wandfarben, scheinen die Menschen hier wirklich keine Angst vor Farben zu haben. Pink und Blau sind als Zimmerfarben gerade wahnsinnig hoch im Kurs, in Lupokovo werden die Wände außerdem nach dem Streichen auch noch mit Glitzer überzogen und ich freue mich jedes mal wieder über diese bunte Welt.

Neben der Erkundungen im Dorf und Nachbardorf haben wir dann auch noch einen Halbtägigen Ausflug in die Berge gemacht – mit einem Lastwagen der zum Touristentransport umgebaut wurde ging es bis in den Schnee und auf 1500m hoch, so dass wir quasi aus dem Tal raus und über die Berge hinüber schauen konnten (die Hoverla, der höchste Berg im ukrainischen Teil der Karpaten ist 2020m hoch). Oben haben wir dann Lagerfeuer und Schaschlick gemacht, das Gemüse im sauberen Quellwasser gewaschen und selbstgebrannten Schnapps (gesund und besser als jede Medizin aus der Apotheke) getrunken. Das ganze hat der Sohn unserer Gastgeberin für uns gegen Benzingeld gemacht, weil wir ja auch bei ihm wohnen und er hofft, dass wir ein bisschen Werbung für ihn machen. Im Winter fährt er Skitouristen die Berge hoch, setzt sie oben ab und sammelt sie dann unten wieder ein, was natürlich im Gegensatz zu einem Lift den Vorteil hat, dass man sich selber aussuchen kann, wo man hin will. Vielleicht lern ich hier ja dann doch auch noch mal Skilaufen….
Nach Hause, nach Uzhgorod sind wir dann Sonntag satt und glücklich mit wahnsinnig viel Eingemachtem gekommen. Marmelade und selbst gemachter Sirup, eingelegte Pilze und aus Vári auch noch Tüten voll mit Naturheilmitteln (alles Werbegeschenke…). Zum krönenden Abschluss gab es noch eine Flasche selbstgekelterten Wein von unserem Taxifahrer, bei dem wir auf dem Rückweg einen Zwischenstop zuhause machten und weil Evi eh schon so viel Gepäck hatte steht das jetzt alles bei mir und Freut sich auf Besuch aus Deutschland um irgendwie verbraucht zu werden!

Am Sonntag gab es dann noch mal ein bisschen Stadtleben mit Burgbesichtung und Bier in einem Kaffee am Fluss. Osterbrot, Kuchen und Kohlruladen von meiner Gastgeberin und danach einen Osterabschluss bei Romani Yag.
War ganz erfrischend nach so viel “Ernsthaftigkeit” mit den flaxenden Zigeunerjungs zu scherzen. Aladar leistete uns auch bald Gesellschaft und da die alle schon, nach hiesiger Feiertagsmanier, den ganzen Tag am trinken waren wurden auch wir zu viel Essen, Trinken und Tanz geladen.
No Comments Yet so far
Leave a comment
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <pre> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>



