Nach einer Woche in Vári, einem ungarischen Dorf direkt an der Grenze zu Ungarn (nur durch die Theiss getrennt) sind wir jetzt in den Bergen angekommen. Wir sind Evi und Verena, wobei Evi eine Fotografin ist, die an einem Fotoprojekt über Innenräume bei den Bewohnern Transkarpatiens arbeitet und Verena diejenige, die ein wenig als Übersetzerin in alle Richtungen einspringt.
Die Zeit in Vári haben wir bei einer netten Familie verbracht, die wie 24 andere Familien im Dorf Gästezimmer in ihren Privathäusern eingerichtet haben, die an Touristen vermietet werden können. Im Vergleich zu Szernye, das genau so groß ist und ebenso fast ausschließlich von ungarischer Bevölkerung bewohnt wird, ist die Grundstimmung in Vári doch eine andere. Fast alle schicken ihre Kinder auf das Gymnasium und auch danach auf weiterführende Hochschulen in Beregszaz oder Ungarn. Der größere Sohn unserer Gastgeber-Familie hat Geographie und Tourismus studiert, arbeitet momentan als Lehrer in Vári und wartet auf eine Zusagen um seinen PhD in Geographie in Debrecen/Ungarn zu machen. Der jüngere Sohn studiert Tiermedizin. Beide Kinder helfen nebenbei wie selbstverständlich den ganzen Hof zu führen und Schweine, Hühner, Felder und jetzt auch noch Gäste zu versorgen. Fast alle Lebensmittel kommen aus dem eigenen Garten, was immer wieder betont wurde, auch das Wasser kommt aus Vári. Offensichtlich hat das ganze Dorf zusammengelegt um einen tiefen Brunnen zu bohren, aus dem das ganze Dorf Trinkwasser bekommen kann und wo es auch ein Gerät gibt, dass den mitgebrachten Flaschen Kohlensäure beifügt. Der Tourismus scheint extrem gut organisiert, mit kleinen und größeren Gruppen, die kommen und Touren durch die Region machen, aber auch mit Privatpersonen aus Ungarn, die immer wieder kommen oder ihre Freunde vorbei schicken.
Fremdsprachige Gäste waren noch keine da, so dass wir sicher ein wenig Aufregung verursacht haben, die sich aber mit der Zeit auch wieder legte.
Neben einigen anderen Vermieter_innen, die teilweise sogar kleine separate Ferienhäuschen haben oder zusätzlich zu Hausmannskost auch Naturheilmittel, Umschläge und Kuren anbieten, wohnt auch der neue Bischof der reformierten Kirche Transkarpatiens in Vári. Ich hab ihn an meinem zweiten Tag in Vári nur kurz getroffen, könnte mir aber vorstellen, dass der alte Bischof, Horkay Lászlo, ihm in seiner Jugend sehr ähnlich war: ruhig, groß und ein wenig zurückhaltend. Vielleicht bekomme ich ja noch mal die Möglichkeit ihn im Gottesdienst zu besuchen. Wäre spannend zu sehen wie er sich im Gottesdienst verhält. Er hat mich auf jeden Fall freudig begrüßt und angemerkt wie viel er schon von mir gehört habe: das Mädchen von den Zigeunern in Szernye. Merkwürdig wenn einem der Ruf so voraus eilt. Aber wie vor einigen Jahren noch der alte Bischof, war auch er die meiste Zeit am hin und her laufen und hatte sicher einiges zu tun.
Dadurch, dass ich quasi Evis Assistentin bei ihrem Fotoprojekt bin, sind wir viel herum gekommen, habe Jungs beim Fussball spielen zugeschaut und verschiedene Häuser und Menschen darin besucht. Außerdem hatten wir während der ganzen Woche wahnsinniges Glück mit dem Wetter, so dass ich jetzt mit Sonnenbrand auf den Schultern rumlaufe und mich freue, dass es fast Sommer ist. Mit unseren Gastgebern haben wir im Garten über einem Lagerfeuer Speck geröstet (oder geschmolzen?). Wenn er weich wird, wird er auf bereit liegenden Brotscheiben ausgedrückt und das ganze dann mit den frisch gepflückten Radieschen, Frühlingszwiebeln und eingemachten Salaten gegessen. Schon toll. April ist für alle Landbesitzer wichtigste Arbeitszeit, weil alles ausgeseht und Unkraut gerupft werden muss. Vor Ostern muss außerdem auch das Haus geputzt und wenn es geht auch gestrichen werden (etwas was hier in jedem anständigen Haus mindestens ein mal im Jahr gemacht wird). Die Kinder mussten außerdem Theaterstücke für den Oster-Gottesdienst einstudieren und es war interessant zu sehen, dass ganze Klassen zum Müllsammeln und Blumen und Bäume pflanzen in den Dörfern (nicht nur Vári) eingesetzt wurden.

Wir haben mit einigen älteren Menschen gesprochen, die von ihrer Vergangenheit unter den unterschiedlichen Regimes sprachen und ich denke ich muss mich noch mal ein bisschen mehr in die Zeit einlesen als das Gebiet hier zur Tschechoslowakei gehörte, da es den Menschen zu dieser Zeit am besten zu gehen schien. Ansonsten finde ich es relativ schwierig die Erzählungen einzuschätzen. Früher war alles besser sagt sich immer so einfach, aber ist keine wirklich fassbare Aussage. Ausführungen wie “das Geld war damals mehr Wert und kam regelmäßig, die Russen mochten wir noch nie, die kommen und klauen alles, damals mit den Deutschen, das war gut!” Stimmen mich alles andere als gut, aber keine meiner hier anwendbaren Sprachen ist gut genug um darüber kritische Diskussionen führen zu können und ich weiß auch nicht wirklich inwiefern die Gesprächspartner_innen bereit wären auf so etwas einzugehen, oder überhaupt wissen worauf ich hinaus will. Wir haben einige jüdische Friedhöfe gesehen, eine Frau in Szernye erzählte neulich auch von einem Bild was sie von ihren jüdischen Nachbarn geschenkt bekam, als diese abgeholt wurden, aber mehr als ein Schulterzucken wird ihrem Verschwinden kaum zugestanden. Die Juden und Zigeuner wurden während des zweiten Weltkriegs in die deutschen Lager gebracht, die Ukrainer und Ungarn danach in die russischen. Die Alten können sich wohl kaum an wirklich gute Zeiten erinnern.
Der spannendste Vormittag für mich war dennoch der in der Zigeunersiedlung. Ich wusste, dass einige Frauen aus Vári nach Szernye geheiratet haben und es war sehr nett gleich im ersten Haus gemeinsame Bekannte auszumachen.
Vári ist eins der Dörfer, das in den Jahren 1998 und 2001 stark vom Hochwasser betroffen war (die Theiss ist damals an vielen Stellen so stark über die Ufer getreten, das wahnsinnig viele Menschen ihre Häuser verloren) und so gibt es nun viele neue Häuser, die durch die damals gesammelten Hilfen gebaut werden konnten. Auch die Zahl der Zigeuner hat sich seit dieser Zeit etwa verdoppelt, weil diese sofort Familien aus anderen Teilen des Landes verständigten und einluden, damit diese sich dort ebenfalls Häuser bauen lassen konnten. Wie auch bei den Ungarn scheinen die Hilfen und Spenden auch bei den Zigeunern einige Familien in größeren Mengen erreicht zu haben als in anderen. Viele der Zigeuner leben nicht nur in für sie gebauten Häusern, sondern teilweise in einem “Barbiehausprunk”, den ich bis jetzt noch nirgendwo gesehen habe (Fotos bei Flickr). Das erste Haus in orange (Wohnzimmer ganz orange: Wände, Vorhänge, Teppiche… mit großen grünen Pflanzen die einen schönen Kontrast bildeten und Stuck an den Decken, der grade neu verklebt wurde), war schon beeindruckend aber irgendwie noch in einem Rahmen den ich verstehen konnte: drei Zimmer die von Eltern und zwei Kindern geteilt wurden – da ist einfach auch die Möglichkeit gegeben ein Vorzeige-Wohnzimmer zu präsentieren und die Ausgaben für die Familie halten sich in Grenzen.
Das zweite Haus, das hauptsächlich in türkis gehalten war, übertraf hingegen alle Vorstellungen, die ich mir machen konnte (wollte?). Nicht nur, dass die Frau in traditionellem langem Zigeunerrock mit Kopftuch und einer vollständigen Reihe Goldzähne vor uns stand, auch die Pferde waren riesig, kräftig, glänzend und edel und fern von den Arbeitspferden die man sonst überall sieht. Es stellte sich bald heraus, dass der Herr des Hauses der Baron der Zigeuner von Vári war und sein Geld angeblich auch nur durch die Herstellung von Regenrinnen verdienen würde. Das Innere des Hauses – wir wurden dort zum Essen eingeladen – war wirklich kaum in Worten zu fassen. Die Küche, das Wohnzimmer, das Schlafzimmer – alles glänzte einfach nur vor Prunk! Gläser, Pflanzen, Lichter, Spiegel, Flachbildfernseher, alles neu und groß und bunt und surreal. Wir wurden nach einer kurzen Stärkung dann auch freudig über eine Wendeltreppe im Wohnzimmer in den ersten Stock geführt, wo der älteste Sohn mit Schwiegertochter und Kindern wohnte (die Schwiegertochter stand, ganz nebenbei, als wir ankamen im glitzernden Abendkleid in der Küche und kochte…). Ihre beiden Söhne begleiteten uns, verzogen sich aber gleich in ein eigenes Zimmer indem ihr neuer Computer stand, der auch sofort angemacht wurde (damit wir ihn ja nicht übersehen?). Das Schlafzimmer in knallpink mit einem beeindruckenden Himmelbett, war so märchenhaft, dass man sich nicht vorstellen konnte sich in einer Realität zu befinden die irgendetwas mit der Außenwelt zu tun hat. Ein beeindruckend, absurdes Spektakel was ich so schnell nicht vergessen werde.

Die Zigeuner von Vári sind, wie die in Szernye auch, ungarische Zigeuner, die auch untereinander nur Ungarisch miteinander sprechen und kein Romani können. Die zwei Frauen die in “traditioneller” Kleidung erschienen erwähnten auch gleich, dass das “Zigeuneroutfit” nur eine Ausnahme sei. Sie habe die Sachen von anderen Zigeunern gekauft, die “tatsächlich” so herum laufen und tragen es selber nur ab und an. Da wir eigentlich sehr spontan kamen, glaube ich nicht, dass sie das für uns angezogen haben, aber da wir erst eine halbe Stunde nach dem Betreten des Zigeunerviertels dort ankamen, kann es durchaus sein, dass es sich bis dahin rumgesprochen hatte und vorbereitet wurde. Wirkt alles immer noch ein bisschen wie im Film. Ich frage mich in wie fern diese Tracht mit dem Reichtum der Familie und der Abhebung von den restlichen Zigeunern in Vári in Verbindung steht, da die “traditionellen” Zigeuner gemein als reich oder zumindest wohlhabender als die übrigen transkarpatischen Zigeuner gelten. Ich hoffe nächsten Monat noch einmal dahin fahren zu können und vielleicht ein etwas differenzierteres Bild zu erhalten. Aber in erster Linie beeindruckend und schön daran erinnert zu werden, dass ein Dorf doch nicht dem anderen gleichen muss, auch wenn die formalen Vorraussetzungen die gleichen sind.
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