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Wenn ich hier, Tag ein Tag aus, an meinem Schreibtisch sitze komme ich mir des öfteren so vor als sei ich beim wild-life TV direkt dabei. Die Hunde, die hier nachts auf den Grundstücken gehalten werden, verbringen die Tage spielend, liegend und bellend auf der Straße vor meinem Fenster. Fütterung findet allgemein gegen Mittag statt, wenn die einzelnen Haushalte ihre Essensreste auf die Straße werfen. Seit einigen Tagen, ist die Hündin vom Haus gegenüber läufig und ich kann beobachten wie immer wieder einzelne “Besucher” vorbei kommen, die wedelnd vor dem Tor stehend. Sie kommen in den unterschiedlichsten Farben und Größen, einer der kleineren probierte gestern für mindestens eine Stunde nacheinander alle Löcher und Spalten in der Hoffnung aus, doch irgendwo hindurch zu passen und endlich zu seiner Auserwählten zu kommen. Während die meisten Hunde hier aus der näheren Umgebung kommen, gibt es einen, den ich vorher noch nicht bemerkt hatte, der sich aber besonders dominant gibt. So konnte ich schon die verschiedensten Unterwerfungsgesten im Rudel beobachten – wie im Fernsehen gehen auch hier die Auseinandersetzungen oft blutig aus. Da gerade ein verlängertes Wochenende war, nutzte der Nachbar den gestrigen Tag zusätzlich für seine Schießübungen und schoss mit seinem Luftschußgewehr auf die Verehrer seiner Hündin. Ich habe mir die Reaktion der so bedachten Hunde erspart, außerdem war das Gewehr viel zu nah am meinem Fenster als dass ich die Aufmerksamkeit des Schützen auch noch hier her lenken wollte. Seit dem ist es aber um einiges ruhiger geworden…

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Nach dem ganzen Rumgereise bin ich jetzt wieder gut in Uzhgorod angekommen und eingelebt. Gestern gab es einen kurzen Ausflug nach Szernye. Dort hat wie zu erwarten auch der Frühling Einzug gehalten und die Kinder haben kreative Blumenkränze gemacht:



Viele der Männer sind schon nach Kiev oder Moskau gefahren um dort zu arbeiten, die anderen wollen nächste Woche los – dann wird es bald wieder eine Frauen, Kinder und Rentner Siedlung! Auch die jüngeren Jungen wollen arbeiten gehen – nach Ungarn zur Gurkenernte. Darum hab ich jetzt Dienstag ein Date im ungarischen Konsulat um die nötigen Informationen für sie und ihre Ausreise einzuholen. Die Fotos die ich in Vári gemacht habe, haben alle sehr gefreut und es wurden mir zu fast allen Abgebildeten die Verwandschaftverhältnisse erklärt. Szimonettas Schwiegermutter… Cousine, Tante, Onkel von…. Das tolle türkisfarbene Haus kannten auch alle. Das ist von Donni! Mit seiner Frau waren wir gut befreundet! Und ich dachte ich zeige ihnen was neues… Sie haben mir auch erzählt, dass die Familie schon immer “traditionelle” Röcke getragen habe und die Mutter der Frau von Donni diese früher selber nähte. Jetzt nach ihrem Tod müssten sie die wohl kaufen. In Uzhgorod ist das zweite mal Ostern (orthodox) und ich werde mit immer wieder neuem und frisch gebackenen Kuchen versorgt, auch wenn die Zigeuner eigentlich alle ungarisches Ostern feiern. So weit so far.
Nach fünf Tagen im durchaus sommerlichen Vári wurden wir früh morgens von Valera unserem Taxifahrer abgeholt, der uns nach Lupokovo / Ust’ Chorna in die Berge fuhr. Dort ist es wahrlich traumhaft, oder vielleicht eher verträumt, Ausländer wurden in dem kleinen Dorf voller Holzhäuser noch kaum gesehen. Das Dorf ist komplett von Bergen umschlossen und der Weg dorthin qualitativ mit der Schutterpiste nach Szernye zu vergleichen. Die Häuser schlängeln sich in ein bis zwei Reihen am Fluss entlang durchs Tal und wo man hin sieht nur grüne Hügel, Wiesen, Bäume und Hütten und auf den entfernteren Gipfeln auch noch ein wenig Schnee. Auf der Karte habe ich Uzhgorod (1), Vári (2) und Lupokovo (3) markiert.

Die Karte stammt aus der Schule in Königsfeld, dem Nachbardorf. Königsfeld war ursprünglich von Deutschen besiedelt, die aber vor ca. 30 Jahren als ihnen die Möglichkeit dazu gegeben wurde fast alle nach Deutschland zurückkehrten. Neben einigen zweisprachigen Beschriftungen ist von den Deutschen heute nicht mehr viel übrig geblieben. Wir sprachen mit einem sehr netten älteren Herrn, der halber Deutscher ist und noch immer viel Kontakt zu seiner Familie in Bayern hat, wo er auch einige Male zum Arbeiten und zu Besuch war. Wie ich das vorher schon von anderen Menschen gehört hatte, bemerkte auch er, dass mit den Deutschen die Blumen und das hübsche, gepflegte Aussehen des Dorfes verschwanden, weil die Ukrainer, die die Häuser und Grundstücke übernommen haben, sich nicht entsprechend um ihr Dorf kümmern würden. Die Region lebte früher hauptsächlich von der Holzwirtschaft, aber inzwischen ist auch hier der Tourismus auf dem Vormarsch. Es werden kleine Holzhütten und Hotels gebaut, wohl Hauptsächlich für den Wintersporturlaub, aber auch für ausgewanderte Familienmitglieder die den sommer über zu besuch kommen. Die meisten Wintersportler kommen aus Polen, Tschechien und der Slowakei und freuen sich darüber, dass es in der Ukraine noch keine abgesteckten Pisten und Wege gibt an die man sich halten muss. Die Menschen aus dem Westen haben aber anscheinend noch zu viel Angst vor dem wilden Osten.
So waren auch in Lupokovo wohl noch nicht so viele fremde Menschen, was dazu führte, dass wir viel angesprochen und danach gefragt wurden, was wir denn dort wollen. Dass wir einfach “nur so” da waren fanden die Menschen glaube ich ziemlich ungewohnt. Die Kinder die Evi fotografieren wollte liefen des öfteren ganz schnell weg, wenn sie die Kamera sahen und ich kam mir selber noch nie so “touristisch” vor. Ich spürte quasi die ganze Zeit die Skepsis der Bewohner, die sich fragten was wir da bloß dort tun würden. Dabei war es wirklich wunderschön. Ohne mich dagegen währen zu können fühlte ich mich in die Vergangenheit versetzt, was natürlich absoluter quatsch ist. Wenn man genau hin sieht, haben alle Häuser Parabolantennen, und wahrscheinlich auch Strom und fließendes Wasser. In unserer gemütlichen Holzhütte, gab es neben Fernseher, Dusche, Klo und Waschmaschine (und zusätzlich das mit abstand hübschesten Plumsklo was ich je gesehen habe) einen Kachelofen mit Ofenbank zum ausziehen, der nicht nur großartig aussah sondern auch noch absolut multifunktional war.
Die Zeitenzonenfrage hat dort oben aber auf jeden Fall die – bis jetzt – merkwürdigsten Dimensionen angenommen. Dass die Ungarn nach ungarischer Zeit leben, weil sie auch entsprechendes Fernsehen sehen und Radio hören, kann ich irgendwie noch verstehen. Aber in Lupokovo leben die Ukrainer (Huzulen) nach “europäischer” Zeit, sehen ukrainisches oder russisches Fernsehen und auch offizielle Dinge im Dorf, Schule, Kirche, Post werden nach ukrainischer Zeit geöffnet und geschlossen. Alleine die Menschen gestalten ihren Alltag und persönliche Absprachen nach “europäischer Zeit”. Um die Gründe dafür (wir fühlen uns als Europäer nicht als Ukrainer?) zu verstehen, bin ich wohl zu sehr rationales Stadtkind.
Nachdem wir in Vári (und Evi auch die Wochen davor) viel mit Calvinisten zu tun hatten, die schon sehr besonders sind in ihrer Gottergebenheit und Selbstrücknahme (für uns besonders merkwürdig, die immer wiederkehrende Bestätigung, dass man uns nicht um unserer selbst Willen hilft, sondern um sich den Weg in ein besseres Nachleben zu ebnen), trafen wir in unserer neuer Unterkunft auf eine praktizierende orthodoxe Christin, die uns als erstes mit den bei ihr im Haus hängenden Ikonen vertraut machte und in die Kirche einlud, die grade geputzt wurde, um für die Osterfeierlichkeiten, die bei den Orthodoxen eine Woche später stattfinden, vorbereitet zu sein. Neben der Kirche war auch der Friedhof furchtbar bunt und genau wie bei der Wahl der Wandfarben, scheinen die Menschen hier wirklich keine Angst vor Farben zu haben. Pink und Blau sind als Zimmerfarben gerade wahnsinnig hoch im Kurs, in Lupokovo werden die Wände außerdem nach dem Streichen auch noch mit Glitzer überzogen und ich freue mich jedes mal wieder über diese bunte Welt.

Neben der Erkundungen im Dorf und Nachbardorf haben wir dann auch noch einen Halbtägigen Ausflug in die Berge gemacht – mit einem Lastwagen der zum Touristentransport umgebaut wurde ging es bis in den Schnee und auf 1500m hoch, so dass wir quasi aus dem Tal raus und über die Berge hinüber schauen konnten (die Hoverla, der höchste Berg im ukrainischen Teil der Karpaten ist 2020m hoch). Oben haben wir dann Lagerfeuer und Schaschlick gemacht, das Gemüse im sauberen Quellwasser gewaschen und selbstgebrannten Schnapps (gesund und besser als jede Medizin aus der Apotheke) getrunken. Das ganze hat der Sohn unserer Gastgeberin für uns gegen Benzingeld gemacht, weil wir ja auch bei ihm wohnen und er hofft, dass wir ein bisschen Werbung für ihn machen. Im Winter fährt er Skitouristen die Berge hoch, setzt sie oben ab und sammelt sie dann unten wieder ein, was natürlich im Gegensatz zu einem Lift den Vorteil hat, dass man sich selber aussuchen kann, wo man hin will. Vielleicht lern ich hier ja dann doch auch noch mal Skilaufen….
Nach Hause, nach Uzhgorod sind wir dann Sonntag satt und glücklich mit wahnsinnig viel Eingemachtem gekommen. Marmelade und selbst gemachter Sirup, eingelegte Pilze und aus Vári auch noch Tüten voll mit Naturheilmitteln (alles Werbegeschenke…). Zum krönenden Abschluss gab es noch eine Flasche selbstgekelterten Wein von unserem Taxifahrer, bei dem wir auf dem Rückweg einen Zwischenstop zuhause machten und weil Evi eh schon so viel Gepäck hatte steht das jetzt alles bei mir und Freut sich auf Besuch aus Deutschland um irgendwie verbraucht zu werden!

Am Sonntag gab es dann noch mal ein bisschen Stadtleben mit Burgbesichtung und Bier in einem Kaffee am Fluss. Osterbrot, Kuchen und Kohlruladen von meiner Gastgeberin und danach einen Osterabschluss bei Romani Yag.
War ganz erfrischend nach so viel “Ernsthaftigkeit” mit den flaxenden Zigeunerjungs zu scherzen. Aladar leistete uns auch bald Gesellschaft und da die alle schon, nach hiesiger Feiertagsmanier, den ganzen Tag am trinken waren wurden auch wir zu viel Essen, Trinken und Tanz geladen.
Nach einer Woche in Vári, einem ungarischen Dorf direkt an der Grenze zu Ungarn (nur durch die Theiss getrennt) sind wir jetzt in den Bergen angekommen. Wir sind Evi und Verena, wobei Evi eine Fotografin ist, die an einem Fotoprojekt über Innenräume bei den Bewohnern Transkarpatiens arbeitet und Verena diejenige, die ein wenig als Übersetzerin in alle Richtungen einspringt.
Die Zeit in Vári haben wir bei einer netten Familie verbracht, die wie 24 andere Familien im Dorf Gästezimmer in ihren Privathäusern eingerichtet haben, die an Touristen vermietet werden können. Im Vergleich zu Szernye, das genau so groß ist und ebenso fast ausschließlich von ungarischer Bevölkerung bewohnt wird, ist die Grundstimmung in Vári doch eine andere. Fast alle schicken ihre Kinder auf das Gymnasium und auch danach auf weiterführende Hochschulen in Beregszaz oder Ungarn. Der größere Sohn unserer Gastgeber-Familie hat Geographie und Tourismus studiert, arbeitet momentan als Lehrer in Vári und wartet auf eine Zusagen um seinen PhD in Geographie in Debrecen/Ungarn zu machen. Der jüngere Sohn studiert Tiermedizin. Beide Kinder helfen nebenbei wie selbstverständlich den ganzen Hof zu führen und Schweine, Hühner, Felder und jetzt auch noch Gäste zu versorgen. Fast alle Lebensmittel kommen aus dem eigenen Garten, was immer wieder betont wurde, auch das Wasser kommt aus Vári. Offensichtlich hat das ganze Dorf zusammengelegt um einen tiefen Brunnen zu bohren, aus dem das ganze Dorf Trinkwasser bekommen kann und wo es auch ein Gerät gibt, dass den mitgebrachten Flaschen Kohlensäure beifügt. Der Tourismus scheint extrem gut organisiert, mit kleinen und größeren Gruppen, die kommen und Touren durch die Region machen, aber auch mit Privatpersonen aus Ungarn, die immer wieder kommen oder ihre Freunde vorbei schicken.
Fremdsprachige Gäste waren noch keine da, so dass wir sicher ein wenig Aufregung verursacht haben, die sich aber mit der Zeit auch wieder legte.
Neben einigen anderen Vermieter_innen, die teilweise sogar kleine separate Ferienhäuschen haben oder zusätzlich zu Hausmannskost auch Naturheilmittel, Umschläge und Kuren anbieten, wohnt auch der neue Bischof der reformierten Kirche Transkarpatiens in Vári. Ich hab ihn an meinem zweiten Tag in Vári nur kurz getroffen, könnte mir aber vorstellen, dass der alte Bischof, Horkay Lászlo, ihm in seiner Jugend sehr ähnlich war: ruhig, groß und ein wenig zurückhaltend. Vielleicht bekomme ich ja noch mal die Möglichkeit ihn im Gottesdienst zu besuchen. Wäre spannend zu sehen wie er sich im Gottesdienst verhält. Er hat mich auf jeden Fall freudig begrüßt und angemerkt wie viel er schon von mir gehört habe: das Mädchen von den Zigeunern in Szernye. Merkwürdig wenn einem der Ruf so voraus eilt. Aber wie vor einigen Jahren noch der alte Bischof, war auch er die meiste Zeit am hin und her laufen und hatte sicher einiges zu tun.
Dadurch, dass ich quasi Evis Assistentin bei ihrem Fotoprojekt bin, sind wir viel herum gekommen, habe Jungs beim Fussball spielen zugeschaut und verschiedene Häuser und Menschen darin besucht. Außerdem hatten wir während der ganzen Woche wahnsinniges Glück mit dem Wetter, so dass ich jetzt mit Sonnenbrand auf den Schultern rumlaufe und mich freue, dass es fast Sommer ist. Mit unseren Gastgebern haben wir im Garten über einem Lagerfeuer Speck geröstet (oder geschmolzen?). Wenn er weich wird, wird er auf bereit liegenden Brotscheiben ausgedrückt und das ganze dann mit den frisch gepflückten Radieschen, Frühlingszwiebeln und eingemachten Salaten gegessen. Schon toll. April ist für alle Landbesitzer wichtigste Arbeitszeit, weil alles ausgeseht und Unkraut gerupft werden muss. Vor Ostern muss außerdem auch das Haus geputzt und wenn es geht auch gestrichen werden (etwas was hier in jedem anständigen Haus mindestens ein mal im Jahr gemacht wird). Die Kinder mussten außerdem Theaterstücke für den Oster-Gottesdienst einstudieren und es war interessant zu sehen, dass ganze Klassen zum Müllsammeln und Blumen und Bäume pflanzen in den Dörfern (nicht nur Vári) eingesetzt wurden.

Wir haben mit einigen älteren Menschen gesprochen, die von ihrer Vergangenheit unter den unterschiedlichen Regimes sprachen und ich denke ich muss mich noch mal ein bisschen mehr in die Zeit einlesen als das Gebiet hier zur Tschechoslowakei gehörte, da es den Menschen zu dieser Zeit am besten zu gehen schien. Ansonsten finde ich es relativ schwierig die Erzählungen einzuschätzen. Früher war alles besser sagt sich immer so einfach, aber ist keine wirklich fassbare Aussage. Ausführungen wie “das Geld war damals mehr Wert und kam regelmäßig, die Russen mochten wir noch nie, die kommen und klauen alles, damals mit den Deutschen, das war gut!” Stimmen mich alles andere als gut, aber keine meiner hier anwendbaren Sprachen ist gut genug um darüber kritische Diskussionen führen zu können und ich weiß auch nicht wirklich inwiefern die Gesprächspartner_innen bereit wären auf so etwas einzugehen, oder überhaupt wissen worauf ich hinaus will. Wir haben einige jüdische Friedhöfe gesehen, eine Frau in Szernye erzählte neulich auch von einem Bild was sie von ihren jüdischen Nachbarn geschenkt bekam, als diese abgeholt wurden, aber mehr als ein Schulterzucken wird ihrem Verschwinden kaum zugestanden. Die Juden und Zigeuner wurden während des zweiten Weltkriegs in die deutschen Lager gebracht, die Ukrainer und Ungarn danach in die russischen. Die Alten können sich wohl kaum an wirklich gute Zeiten erinnern.
Der spannendste Vormittag für mich war dennoch der in der Zigeunersiedlung. Ich wusste, dass einige Frauen aus Vári nach Szernye geheiratet haben und es war sehr nett gleich im ersten Haus gemeinsame Bekannte auszumachen.
Vári ist eins der Dörfer, das in den Jahren 1998 und 2001 stark vom Hochwasser betroffen war (die Theiss ist damals an vielen Stellen so stark über die Ufer getreten, das wahnsinnig viele Menschen ihre Häuser verloren) und so gibt es nun viele neue Häuser, die durch die damals gesammelten Hilfen gebaut werden konnten. Auch die Zahl der Zigeuner hat sich seit dieser Zeit etwa verdoppelt, weil diese sofort Familien aus anderen Teilen des Landes verständigten und einluden, damit diese sich dort ebenfalls Häuser bauen lassen konnten. Wie auch bei den Ungarn scheinen die Hilfen und Spenden auch bei den Zigeunern einige Familien in größeren Mengen erreicht zu haben als in anderen. Viele der Zigeuner leben nicht nur in für sie gebauten Häusern, sondern teilweise in einem “Barbiehausprunk”, den ich bis jetzt noch nirgendwo gesehen habe (Fotos bei Flickr). Das erste Haus in orange (Wohnzimmer ganz orange: Wände, Vorhänge, Teppiche… mit großen grünen Pflanzen die einen schönen Kontrast bildeten und Stuck an den Decken, der grade neu verklebt wurde), war schon beeindruckend aber irgendwie noch in einem Rahmen den ich verstehen konnte: drei Zimmer die von Eltern und zwei Kindern geteilt wurden – da ist einfach auch die Möglichkeit gegeben ein Vorzeige-Wohnzimmer zu präsentieren und die Ausgaben für die Familie halten sich in Grenzen.
Das zweite Haus, das hauptsächlich in türkis gehalten war, übertraf hingegen alle Vorstellungen, die ich mir machen konnte (wollte?). Nicht nur, dass die Frau in traditionellem langem Zigeunerrock mit Kopftuch und einer vollständigen Reihe Goldzähne vor uns stand, auch die Pferde waren riesig, kräftig, glänzend und edel und fern von den Arbeitspferden die man sonst überall sieht. Es stellte sich bald heraus, dass der Herr des Hauses der Baron der Zigeuner von Vári war und sein Geld angeblich auch nur durch die Herstellung von Regenrinnen verdienen würde. Das Innere des Hauses – wir wurden dort zum Essen eingeladen – war wirklich kaum in Worten zu fassen. Die Küche, das Wohnzimmer, das Schlafzimmer – alles glänzte einfach nur vor Prunk! Gläser, Pflanzen, Lichter, Spiegel, Flachbildfernseher, alles neu und groß und bunt und surreal. Wir wurden nach einer kurzen Stärkung dann auch freudig über eine Wendeltreppe im Wohnzimmer in den ersten Stock geführt, wo der älteste Sohn mit Schwiegertochter und Kindern wohnte (die Schwiegertochter stand, ganz nebenbei, als wir ankamen im glitzernden Abendkleid in der Küche und kochte…). Ihre beiden Söhne begleiteten uns, verzogen sich aber gleich in ein eigenes Zimmer indem ihr neuer Computer stand, der auch sofort angemacht wurde (damit wir ihn ja nicht übersehen?). Das Schlafzimmer in knallpink mit einem beeindruckenden Himmelbett, war so märchenhaft, dass man sich nicht vorstellen konnte sich in einer Realität zu befinden die irgendetwas mit der Außenwelt zu tun hat. Ein beeindruckend, absurdes Spektakel was ich so schnell nicht vergessen werde.

Die Zigeuner von Vári sind, wie die in Szernye auch, ungarische Zigeuner, die auch untereinander nur Ungarisch miteinander sprechen und kein Romani können. Die zwei Frauen die in “traditioneller” Kleidung erschienen erwähnten auch gleich, dass das “Zigeuneroutfit” nur eine Ausnahme sei. Sie habe die Sachen von anderen Zigeunern gekauft, die “tatsächlich” so herum laufen und tragen es selber nur ab und an. Da wir eigentlich sehr spontan kamen, glaube ich nicht, dass sie das für uns angezogen haben, aber da wir erst eine halbe Stunde nach dem Betreten des Zigeunerviertels dort ankamen, kann es durchaus sein, dass es sich bis dahin rumgesprochen hatte und vorbereitet wurde. Wirkt alles immer noch ein bisschen wie im Film. Ich frage mich in wie fern diese Tracht mit dem Reichtum der Familie und der Abhebung von den restlichen Zigeunern in Vári in Verbindung steht, da die “traditionellen” Zigeuner gemein als reich oder zumindest wohlhabender als die übrigen transkarpatischen Zigeuner gelten. Ich hoffe nächsten Monat noch einmal dahin fahren zu können und vielleicht ein etwas differenzierteres Bild zu erhalten. Aber in erster Linie beeindruckend und schön daran erinnert zu werden, dass ein Dorf doch nicht dem anderen gleichen muss, auch wenn die formalen Vorraussetzungen die gleichen sind.



