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Freitag.Um kurz nach fünf aufgestanden, um um 6:40 den Bus von Uzhgorod nach Beregszaz zu fahren. War ein first time experience, das ganz gut war, schon bequemer als in der Bahn, aber auch nicht richtig viel schneller und auch nicht warm. Obwohl ganz so kalt wie heute in der Bahn nach Szernye hin und zurück war’s nicht. Und die Bahnpreise kann’s auch nicht so richtig übertreffen (Szernye-Uzhgorod ca. 50 cent, Bus nach Beregszaz ca. € 2,-). Vor allem weil ich heute weder auf dem hin noch auf dem Rückweg den vollen Preis bezahlen musste, weil es beide male in die private Kasse der Schaffner gegangen ist.
Und laute Musik aus einem Lautsprecher die den ganzen Bus unterhält ist auch netter als mehrere Leute in der Bahn, die mit ihrem Handy gleichzeitig Musik hören.
Anyway, als ich nach meiner ukrainischen Uhr um halb neun in Beregszaz ankam wurde mir dort erzählt, dass der Gottesdienst, wo ich die amerikanischen Frauen und ihren deutschen Begleiter treffen sollte, erst um acht anfange. Das in den ungarisch sprachigen Dörfern nach der ungarischen Zeit gelebt wird war ich ja schon gewöhnt (ich muss auch immer wenn ich nach Szernye fahre wieder eine Stunde abziehen) aber, dass das in ner offiziellen Stadt auch so läuft, nur weil da mehr Ungarn wohnen war mir irgendwie nicht klar. Und der Pastor, mit dem wir unterwegs waren wohnt eigentlich auch in Munkacevo, wo eigentlich ukrainische Zeit ist. Aber vielleicht macht das in Städten auch jeder anders – je nach nationalem Zugehörigkeitsgefühl. Puh.
Insofern dann erstmal Kaffe und danach in die kalte Kirche, wo der Gottesdienst von einer noch sehr jung wirkenden Frau gehalten wurde. Die hat sogar für mich ziemlich verständlich gesprochen, das geht mir sonst in den “großen Kirchen” nicht so, bin fast immer nur bei den Zigeunergottesdiensten gewesen. Aber bei der Ungarisch Reformierten Kirche Transkarpatiens scheint es immer noch sehr viel um Sünde zu gehen. Wir sind alle Sünder und müßen Buße tun. Ich glaube nächstes mal zähle ich mal mit wie oft das Wort Sünde in so einer Predigt vorkommt. Das ist schon komisch alles. Im Zuge dessen habe ich auch erfahren, dass eigentlich ein Beschluss gefasst wurde, der weibliche Pastorinnen ausschließen sollte. Dieser ist wieder aufgehoben und insofern gelockert worden, dass Frauen zwar nicht alleine in einer Gemeinde sein dürfen, aber immerhin als Zweitbesetzung auftreten dürfen. Der Pastor mit dem wir den Tag über unterwegs waren zog dazu einen Vergleich zur Familie. Dort sei der Mann ja auch der Familienvorstand, der über das Wohl der Familie wache. Ist allerdings kein Mann da, dann könnte auch eine Frau diese Rolle einnehmen. Insofern sollte auch in der Kirche immer als erstes nach einem Mann als Pastor gesucht werden und nur wenn es keinen gibt eine Frau als Pastorin eingesetzt werden.
Ich weiß in solchen Situationen immer gar nicht was ich sagen oder wie ich mich verhalten soll. In Deutschhland würde ich sofort eine Diskussion anfangen. Und in solchen Momenten scheine ich mich dann doch ganz weit weg von zu hause zu befinden.
Ähnlich war das auch heute in Szernye. Ich war bei einer ungarischen Familie (Böbi), die auch wirklich sehr arm ist und wo mir die Mutter erzählte, dass sie zwar nicht viel haben, aber immerhin mehr als viele Menschen, die sie im Fernsehen sieht, die nicht mal ein Brot haben und verhungern müssen. Und Gott lässt das zu, weil nicht alle Menschen auf der Welt an ihn glauben. Als ich meinte, dass aber diese Leute auch an (einen) Gott glauben, kam sofort der Einwurf, dass diese Leute vielleicht auch glaubten, aber dass sie nicht an den richtigen Gott glauben und das sei nicht erlaubt. Und dass sie komische Namen für ihr Götter hätten und Götzen anbeteten, obwohl auch in der Hindi Bibel stünde, dass sie das nicht dürften. Und Verena sitzt da und lächelt und sagt nur: Na ja, das sind aber auch gute Menschen? Und: Das ist schon schwer.
Doof. Aber ich weiß in solchen Situationen auch gar nicht wo ich anfangen soll.
Als mir der Pastor gestern auf dem Weg nach hause noch sehr lange von der Notwendigkeit des Glaubens erzählt hat, ohne den man die nicht die Stärke hätte mit oder bei den Zigeunern zu arbeiten und dass er in seiner Gemeinde auch nur Freiwillige möchte, die einen starken Glauben haben um diesen an die Zigeuner weiter zu geben, konnte ich irgendwann nicht mehr. Er hätte auch mal Freieillige gehabt, die so Tanzen lernen wollten wie die Zigeuner. Aber das ist nicht gut. Das darf man nicht unterstützen, sie wollen ja grade versuchen ihnen das auszutreiben.
Die Zigeuner betreiben noch zu viel Okkultismus.
Dabei wissen die ganz genau, wie sie sich wann verhalten müssen.
Als wir gestern in der Schule in Szernye waren, waren die Kinder echte vorzeige Christen, die schön ihre Lieder für die Ausländer vorgetragen haben. Und der Pastor war sicher froh und zufrieden mit diesem Bild. Dass sie nach Hause gehen und trotzdem lernen wie Zigeuner zu tanzen, zu singen und sich zu verhalten fällt dabei gar nicht auf. Da kann man noch so viele Lieder über das arme Zigeunerleben dichten…
Na ja. War sehr spannend, diese Präsentationen zu erleben. Und auch die Reaktionen der “Ausländer_innen”. Kein Badezimmer? Wie kann man denn so leben?
Ich habe heute mit meinen Zigeunern Pizza gemacht, auf nem Brett, das schon mal vorher benutzt wurde ohne zwischendurch abzuwaschen. Statt mir drei mal hintereinander mit viel Wasser die Hände zu waschen geht der Hefeteig auch beim abtrocknen von den Fingern. Das Blech wird statt mit nem Pinsel mit einem Stück Stoff eingefettet, das dafür aus nem herumliegenden Pulli rausgeschnitten wurde und das geht trotzdem alles. Und schmeckt! Und meinen Magen hab ich mir bei den Zigeunern auch noch nie verdorben.
Well well, meine Hausaufgaben bei den Zigeunern habe ich heute nicht gemacht, dafür viel gespielt, geredet, gebacken, fotografiert und mich wohl gefühlt. Muss auch mal sein.



